"Starke Frauen" - So der Titel der neuen Serie auf WiF, die sich mit außergewöhnlichen Frauen beschäftigt, die ohne großes Aufsehen in unserer dörflichen Mitte leben, obschon sie Tag für Tag besondere Herausforderungen stemmen und große Stärke beweisen. Diesmal werfen wir einen Blick auf Rita Hellenthal, der Mutter von Simon Hellenthal, der unter einer schweren Muskelerkrankung leidet, mit der er dennoch sehr offen umgeht. Wie diese Krankheit das Leben von Rita beeinflusst, was sie alles im Hintergrund leisten muss und wie es ihr persönlich dabei ergeht, hat sie uns im 2. Teil unserer Serie in einem sehr privaten Gespräch verraten. Sehr lesenswert! 

 

 

Spätestens seit der Veröffentlichung von "24 Zoll", einem sehr persönlichen und emotionalen Lied von Lukas Hellenthal und Dominic Sanz über ihren Cousin bzw. Freund Simon Hellenthal, hat eine breite Öffentlichkeit einen ganz privaten Einblick in das Leben von Simon Hellenthal bekommen, der unter einer Muskelerkrankung leidet und auf ein Beatmungsgerät sowie eine 24 Stunden Betreuung angewiesen ist.

Es ist absolut bewundernswert, wie der junge Mann trotz der Krankheit eine positive Lebenseinstellung hat und über seinen Spezial-Computer, den er mit den Augen steuert, am Leben außerhalb seiner vier Wände teilnimmt. Sogar der Lokalzeit des WDR war dies schon einen Bericht in der Vorabendsendung wert (s. Bericht).

Nicht minder bewundernswert ist aber die starke Frau im Hintergrund: Rita Hellenthal. Sie steht ihrem Sohn seit Jahren zur Seite, damit er soweit wie möglich ein normales Leben führen kann. Da wird die eigene Person oft hinten angestellt, um sämtliche Kraft und Energie für den anderen aufbringen zu können. 

In unserer Reihe "Starke Frauen" blicken wir diesmal daher auf die Mutter von Simon Hellenthal, über die man weder in der musikalischen Hommage noch in den verschiedensten TV- und Zeitungsberichten mehr erfährt.

Wir treffen uns im Wintergarten der Familie Hellenthal zu einem Gespräch. Überall stehen kleine Töpfe mit verschiedensten Pflanzen und zu überwinternden Blumen. Man erkennt sofort, dass man es mit einer großen Naturliebhaberin zu tun hat, die auf Nachfrage die verschiedensten Sorten und Namen zu nennen weiß, in vielen Fällen auch die botanischen Bezeichnungen. Offensichtlich schöpft sie für sich viel Kraft aus ihrem Garten und der Natur um sie herum. 

"Es gibt doch nichts Schöneres, als morgens aus dem Fenster zu schauen und den Sonnenaufgang zu beobachten", schwärmt sie regelrecht von ihrer Sicht aus dem Schlafzimmerfenster, das ihr einen weiten Blick in die Eifellandschaft ermöglicht und den Gedanken freien Raum gibt. 

Sicherlich werden dabei auch hin und wieder die Erinnerungen an ihre Jugend und eine unbeschwerte Zeit geweckt.

Die 60jährige Rita wuchs in Breitscheid in der Nähe vom Nürburgring auf. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Diplomverwaltungswirtin bei der Post (damals noch Deutsche Bundespost, später Post AG) und arbeitete danach als Beamtin im gehobenen Dienst im Verwaltungsbereich, zuerst in Koblenz, dann in Mayen und später nach der Hochzeit in Euskirchen. Als Simon 1991 geboren wurde, ließ sie sich zunächst beurlauben, um sich ganz um ihren kleinen Sohn kümmern zu können. Geplant war da eigentlich, nach einer gewissen Zeit wieder in ihren Beruf einzusteigen.

Manchmal gibt das Leben jedoch andere Wege vor. 

Zum einen wurde ihre Dienststelle von Euskirchen nach Troisdorf verlegt, was einen weiteren Arbeitsweg bedeutet hätte. Zum anderen wurde bei Simon bereits im Alter von 4 Monaten eine Krankheit festgestellt, die das Leben der Familie Hellenthal fest in den Griff nahm: Muskeldystrophie Duchenne.

"Entdeckt wurde die Krankheit, weil ein Blutwert nicht in Ordnung war, was wir in einer Klinik in Bonn näher untersuchen lassen sollten. Die weiteren Befunde ergaben dann die Diagnose. Gemerkt hat man von der Krankheit erst später in der weiteren Entwicklung etwas. In dem Moment, in dem wir die Ergebnisse der Untersuchung bekommen haben und uns der weitere Krankheitsverlauf der unheilbaren Krankheit erklärt wurde, dachten wir, der Boden würde uns unter den Füßen weggezogen", erzählt Rita.

Man habe dennoch direkt versucht, so gut wie möglich damit umzugehen und Simon bestmöglich in seiner Entwicklung zu unterstützen. "Es gibt kein Muster für ein solches Leben. Man muss einfach pragmatisch mit allem umgehen, was auch immer da kommt".

Anfangs veränderte sich das Leben auch erst langsam. Im Kindergarten kam Simon dann seinen Spielgefährten nicht mehr hinterher, weil sie schneller und ausdauernder waren als er. Nach und nach wurde auch das Treppensteigen beschwerlicher, später das einfache Gehen. Um ihm die Busfahrt in die Grundschule nach Lommersdorf zu ersparen, übernahm Rita die tägliche Fahrt dorthin. Nach zwei Beinbrüchen wurde der Rollstuhl zum neuen Wegbegleiter. Als weiterführende Schule wurde daher die Realschule in Mechernich ausgewählt, die über einen Treppenlift verfügte. Dorthin wurde Simon dann mit dem Taxi gebracht. Ebenso nach Kall zum Wirtschaftsgymnasium, auf das Simon nach der 10. Klasse wechselte. 

In der zwölften Klasse wurde Simon dann alles zu anstrengend, so dass man beschloss, dass er ganz zu Hause bleiben sollte. Sein Geist entwickelte sich weiter, seine Muskelkraft verabschiedete sich mehr und mehr. Jeder Tag wurde zu einer neuen Herausforderung, um beiden Entwicklungen gerecht zu werden. Nach einem Intermezzo in einer betreuten Wohngemeinschaft in Kall beschloss Simon, doch wieder zu Hause zu wohnen. Mit Plattformlift und der notwendigen bettentechnischen Ausstattung in seinem Zimmer waren dort einfach die Lebensumstände für ihn am angenehmsten.

Inzwischen ist der 30jährige auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Ein 24-Stunden-Pflegedienst steht Rita bei der Rundumbetreuung zur Seite und lebt wie ein weiteres Familienmitglied mit im Hause Hellenthal. Ein Zusammenspiel von vielen Händen, weil Simon bei allem auf Hilfe und fremde Muskeln angewiesen ist, selbst wenn es ihn an der Nase juckt. Körperpflege, Organisation von Therapien und Behandlungen, Absprachen mit Krankenkasse und Ärzten, Planungen von Fahrten und kleinen Ausflügen...alles erfordert viel Einsatz und Energie von Rita. Der ganze Tagesablauf dreht sich letztlich um den Sohn des Hauses.

Da bleibt kaum Zeit, in der die 60jährige einmal für sich alleine ist und an sich selbst denken kann. 

"Es sind immer so Phasen, in denen man besonders gefordert ist, wie zuletzt bei dem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt, bei dem ich die ganze Zeit an Simons Seite war. Er kann schließlich nicht einmal klingeln, wenn er etwas hat. Und das Pflegepersonal der Klinik kann nicht die Rund-um-die-Uhr-Betreuung leisten, die er benötigt", beschreibt sie die Situation. Als Mutter leidet man in solchen kritischen Phasen alle Schmerzen und Ängste innerlich mit.

Aber durch den Pflegedienst zu Hause ist sie jetzt in der Lage, öfter ihre Mutter zu besuchen oder auch einmal ein Wochenende zu ihrer Schwester in die Pfalz zu fahren und ein kleine Auszeit zu nehmen bzw einfach ein paar Stunden zu entspannen. Die Familie ist ihr sehr wichtig.

(Mutter und Schwester von Rita zu Besuch in Freilingen)

Im Alltag ist sie schon froh, wenn sie sich zwischendurch einfach einmal hinsetzen und in einem Buch lesen kann. 

"Ich würde auch noch einmal gerne anfangen, etwas mehr zu nähen und dabei verschiedene Dinge auszuprobieren. Nur, wenn man nicht in Ruhe an der Sache dran bleiben kann, weil wieder irgendetwas dazwischen kommt, dann verliert man schnell die Motivation", fügt sie an und man spürt, dass sie sich für vieles begeistern könnte.

Eine ganz besondere Bedeutung hat für sie ihr Garten. Vor allen Dingen in den letzten Monaten. 

"Gerade am Anfang der Pandemie war die Angst bei uns allen gewaltig, sich anzustecken oder dass der Pflegedienst ausfallen würde. In dieser Zeit haben wir uns vollständig isoliert, auch von der Familie. Das hat wirklich Nerven und Schlaf gekostet", beschreibt Rita die schwierige Zeit. 

"Der Garten war in der Corona-Zeit wie ein Fluchtpunkt für uns, wo wir uns richtig entspannen konnten, weil man wenigstens hier einfach einmal vor die Tür gehen konnte. Dort haben wir uns dann auch nach und nach auf Abstand wieder mit der Familie treffen können. Wir mussten und müssen immer noch viel vorsichtiger sein als viele andere, weil Simon trotz Impfung nun einmal Risikopatient ist. Die Angst, dass er erkrankt, wird man auch so schnell nicht los."

In dieser Zeit wurde dank der Unterstützung der Familie auch eine gepflasterte Fläche samt Sonnensegel im Garten eingerichtet - ein Aufenthaltsbereich in ihrem grünen Reich, auf den sie sich jetzt so schon freut, als würde er ein weites Urlaubsziel darstellen.

"Das war eine klasse Aktion und das wird toll, wenn wir dort demnächst wieder sonnige Stunden verbringen werden." Die Gedanken an die kommenden Wochen im Grünen lassen sie regelrecht strahlen. 

Überhaupt wirkt Rita bei allen Problemen und Belastungen, die sie in den letzten Jahren erleben und durchleben musste, weder frustriert noch resigniert. Schließlich musste sie bei aller Sorge um Simon vor 10 Jahren auch noch die schwere Krebserkrankung und den Tod von Frank verkraften. Der Verlust von Vater und Ehemann hat das ohnehin unter besonderen Herausforderungen stehende Familiengefüge damals zusätzlich schwer getroffen. 

"Ich neige nicht dazu, irgendjemand oder etwas dafür verantwortlich zu machen, was alles passiert und wie die Dinge sind, noch nicht einmal mich selbst. Viele Leute fragen sich, was sie falsch gemacht haben, dass sie so "gestraft" sind, wie sie es glauben durch ihre Lebensumstände zu sein. Aber ich glaube nicht, dass irgendwo jemand über uns sitzt, der würfelt und aufgrund unseres Verhaltens denkt: ach, dem könnte man noch einmal etwas aufbürden, der hat das so verdient", erzählt sie ruhig. Man kann sich selbst gar nicht vorstellen, wie man mit einem solchen persönlichen Verlust in der Gesamtsituation fertig werden kann, ohne an den Rand der Verzweiflung zu geraten.

"Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Deshalb ist das Glas für mich auch immer halb voll und nicht etwa halb leer. Man kann zwar immer jammern und wünschen, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt. Aber das hilft einem einfach nicht weiter in der Situation und würde mir auch nichts bringen, weil ich weiß, dass ich irgendwie weiter machen muss. In all den schweren Zeiten haben wir zwar viel geweint und getrauert, aber wir haben stets versucht, immer auch gemeinsam zu lachen. Es scheint wirklich so, dass ich relativ viel Kraft habe. Wo die herkommt, kann ich noch nicht einmal sagen", führt sie an. 

"Wenn ich draußen bin und sehe, wie vielfältig die Natur einfach ist, alles anfängt, zu blühen und die Schmetterlinge herumflattern, gibt mir das unheimlich viel Motivation und Energie. Einfach einmal zu beobachten, wie viele verschiedene Vögel hier herumflattern, zeigt mir, welche besondere Kraft in der Natur steckt, wer auch immer da oben dafür verantwortlich ist. Diese Lebendigkeit stimmt mich einfach fröhlich und gut gelaunt, das scheint bei uns irgendwie in der Familie zu liegen", beschreibt sie schmunzelnd ihre besondere Freude an der Natur, die Mutter und Schwester offenbar teilen.

"Dann sieht man auch kleine Dinge, die andere Leuten vielleicht nicht so sehen, gerade auch, was unscheinbare Blumen und Tiere angeht."

"Vieles war und ist in meinem Leben anders und komplizierter. Es ist nunmal wie es ist. Ich kann z.B. nicht fünfmal im Jahr wer weiß wohin in Urlaub fahren, was anderen vielleicht wichtig ist. Durch Simon gibt es eben Sachen, die so nicht möglich waren oder sind, aber eben auch Dinge, die nur durch Simon möglich sind. Ich muss mich den Gegebenheiten anpassen und darf nicht ständig denken, dass das nicht möglich ist und dass ich jenes nicht machen kann, sonst macht man sich ja selbst verrückt. Das versperrt den Blick für das, was man doch letztlich noch alles an Gutem hat und auch noch aktiv bewirken kann und welche Freude einem das Leben bereitet", beschreibt sie ihre Lebensphilosophie.

Aktiv ist Rita auch außerhalb der eigenen vier Wände. Ob Pfarreirat oder Vereinskartell, wenn sie um Hilfe gebeten wird, sei es beim Kuchenverkauf oder Kuchenbacken für die verschiedensten Veranstaltungen, ist sie dirket zur Stelle.

(Rita beim Kuchenverkauf bei Kunst im Garten 2016)

Besondere Freude hatte sie in der Vergangenheit vor allem aber auch beim Theaterspielen, für das sie sich trotz allem immer Zeit genommen hat. Leider ist die Freilinger Theatergruppe vor einigen Jahren in einen Dornröschenschlaf versunken. Aber sie würde auch heute noch gerne mitspielen, wenn sich wieder einmal ein Trupp zusammenfinden würde. "Da haben wir immer viel zu lachen gehabt. Das hat wirklich Spaß gemacht, auch wenn man sich hin und wieder über das ein und andere geärgert hat", schwelgt sie in alten Erinnerungen an die schöne Theaterzeit. 

(Rita beim Theaterspiel 2017)

Spaß hatte sie jedenfalls auch vor einigen Tagen, als Simon und sie vom Taxi Unternehmen Christa Klaes ein rollstuhlgerechtes Fahrzeug geschenkt bekamen (s. Bericht). Das sei ein richtiges Highlight gewesen.

Jetzt muss sie sich erst einmal mit dem Auto und der Transporttechnik vertraut machen. Und wenn man bei all den Terminen, die für Simon und sie anstehen, mal endlich Zeit bekommt, zu planen, dann freut sie sich schon auf ein schönes Reiseziel. Zu weit kann es aus organisatorischen Gründen noch nicht gehen, zumal Simon nach seinem letzten Krankenhausaufenthalt auch noch nicht richtig fit ist. "Aber Simon meinte, man könnte ja auch einfach mal nur bis zum nächsten Supermarkt fahren und schauen, was da so los ist", fügt sie lachend an. 

Könnte sie sich das Reiseziel allerdings ganz frei aussuchen, würde sie einmal gerne die Kanalinseln besuchen, eine Inselgruppe im südwestlichen Teil des Ärmelkanals mit einem vom Golfstrom beeinflusstes Klima und einer besonders artenreichen Pflanzenwelt.

(Foto: Kanal-Insel Jersey)

"Dort würde ich gerne mal mit meiner Schwester hinfahren. Das ist eine Mischung zwischen Frankreich und England, die ich mir schon immer einmal ansehen wollte." Ein bescheidener Wunsch, wenn man daran denkt, dass es viele andere eher nach Amerika oder Australien ziehen würde. 

Was denn ihr besonderer Wunsch für die Zukunft sei, möchte ich noch wissen. "Für die Zukunft wünsche ich mir einfach, das alles so weit wie möglich gut geht. Auch da bin ich pragmatisch. Jeder Tag kann anders kommen, als man denkt und Entwicklungen bringen, die man jetzt noch nicht erahnt. Durch das Auto sind wir jetzt jedenfalls alle viel flexibler. Simon will ja auch nicht immer nur mit "Mama" etwas machen. Die Pfleger können jetzt auch mit Simon alleine etwas unternehmen. Dadurch kann ich auch Verantwortung abgeben, was bisher nicht immer so einfach war", erklärt sie und man merkt, wie wichtig es für alle ist, dass auch sie mal "loslassen" kann. 

Am Ende unseres Treffens muss natürlich auch Rita die schon traditionellen vier letzten Fragen beantworten: 

Lieblingsessen: "Reibekuchen"

Lieblingsmusik: "Roxette, Coldplay"

Lieblingsfilm: "Jenseits von Afrika"

Lieblingsbuch: "Kann ich nicht sagen. Ich habe so viele Bücher in den Regalen und es werden noch immer mehr... "

 

Bleibt zu hoffen, dass sie tatsächlich auch die Zeit und Muße findet, wieder mehr zu lesen! 

Viel Spaß mit dem neuen Auto und herzlichen Dank für das offene Gespräch!

 

 

 

 

 

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